Idee

Sommer 2015 - Geburt der Vollblutglatze

Ich bin auf dem Weg zur U-Bahn. Habe ich den Herd ausgemacht? Hatte ich die Haustür abgeschlossen? In letzter Zeit fragte ich mich sowas andauernd. In meinem Studium begann der Endspurt, ich schrieb gerade an meiner Masterarbeit, machte endlich meinen Führerschein, organisierte meinen Umzug in die begehrte Großstadt und fühlte mich nicht so erfolgreich, wie es klingt. Ganz im Gegenteil.

Wo ist mein Portmonee? Verdammt, nicht in der Jackentasche wie sonst, also den Rucksack absetzten und hektisch durchwühlen, schließlich darf ich die Bahn nicht verpassen. Ich finde und finde das Mistding nicht. Scheiße! Mein Herz schlägt schneller, meine Atmung wird flach, ich breche in Tränen aus. Plötzlich ist mir das Portmonee egal, ich sehe die Mitpatientin vor mir, die nach unserer gemeinsamen Therapie gestorben ist. Sie war damals 27, so alt wie ich jetzt, und ich liege wieder im Krankenhaus, fühle Blut meinen Nacken herunterlaufen, rieche die Station 5A. Ich heule auf offener Straße, weiß gar nicht, warum, weil das alles schon Jahre her ist und es mir gut geht. Aber der geballte Alltagsstress meines gesunden Lebens hatte die Krankheitserinnerungen quasi im Frackingverfahren aus den Tiefen meines Hirns an die Oberfläche gesprengt. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Ich heule, weil ich diese Erinnerungen nicht loslassen kann. Es geht nicht, weil ich Angst habe, sie dann zu vergessen. Und das darf niemals passieren! Der einzig logische Schluss war, die ganze Geschichte aufzuschreiben. Dann könnte ich meine Glatzenzeit hervorholen, wenn mir danach ist und nicht, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit mein Portmonee suche.

 

Überhaupt war ich sehr enttäuscht von dem bisherigen Angebot an Krebsliteratur und konnte mich als inzwischen gesunde, junge Frau mit dezent schwarzem Humor nirgends wiederfinden. Entweder waren mir die Werke zu pathetisch und zu platt oder die Autor*innen waren leider an der Krankheit gestorben. Sowieso fehlte mir eine realistische, konkrete Schilderung des Therapiealltags, die nicht nur den Betroffenheitsknopf drückt, sondern auch unterhält und ja, sogar ein Lachen herauskitzelt. Meine Mission war klar: ich schreibe ein authentisches, detailliertes und witziges Krebsbuch, durch das mein Kopf wieder frei wird. Und im allerbesten Fall lesen das andere Menschen, denen meine Geschichte und meine Art, sie zu erzählen und zu betrachten, bei ihrer eigenen Heilung hilft.